Vor einigen Wochen saß ich mit einem Mandanten zusammen, der eine klare Vorstellung hatte:

„Die Aktienmärkte sind doch mittlerweile sehr teuer. Ich möchte Gewinne mitnehmen und mit dem Geld mein Darlehen vorzeitig zurückzahlen.“

Auf den ersten Blick klingt das vernünftig. Gewinne sichern, Schulden abbauen und ruhiger schlafen – wer würde das nicht gerne tun?

Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich eine interessante Besonderheit: Das Darlehen war vor einigen Jahren zu einem Zinssatz von etwas mehr als 1 % abgeschlossen worden und läuft noch weitere fünf Jahre.

Damit lautete die eigentliche Frage plötzlich nicht mehr:

„Soll ich Schulden zurückzahlen?“

Sondern:

„Soll ich langfristig investiertes Vermögen verkaufen, um eine Finanzierung mit außergewöhnlich günstigen Konditionen abzulösen?“

Genau hier liegt die Denkfalle.

Natürlich kann ich die Überlegung nachvollziehen. Die Sorge vor einem stärkeren Kursrückgang ist keineswegs unbegründet. Geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und die täglichen Schlagzeilen liefern genügend Argumente dafür, vorsichtiger zu werden. Wenn die Märkte auf hohen Niveaus stehen, entsteht schnell der Wunsch, Gewinne zu sichern und Risiken zu reduzieren.

Gleichzeitig vermitteln Schulden vielen Menschen ein ungutes Gefühl – unabhängig davon, wie günstig sie finanziert sind.

Doch erfolgreiche Vermögensplanung besteht nicht darin, jede Verbindlichkeit möglichst schnell loszuwerden. Sie besteht darin, Kapital dort einzusetzen, wo es langfristig den größten Nutzen stiftet.

Im konkreten Fall kostete das Darlehen etwas mehr als 1 % pro Jahr. Damit gehört es aus finanzieller Sicht zu den günstigsten Verbindlichkeiten, die man überhaupt haben kann.

Eine Sondertilgung hätte zwar für ein gutes Gefühl gesorgt. Wirtschaftlich betrachtet hätte sie jedoch bedeutet, Kapital aus Anlagen abzuziehen, die langfristig deutlich höhere Renditechancen bieten.

Anders formuliert:

Durch die Sondertilgung „verdient“ man sicher rund 1 %, verzichtet aber gleichzeitig auf die Möglichkeit, über mehrere Jahre an den Erträgen der Kapitalmärkte teilzuhaben.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Das Darlehen wird erst in fünf Jahren fällig. Es besteht also heute noch kein unmittelbarer Kapitalbedarf.

Deshalb stellt sich nicht die Frage, ob die Märkte irgendwann fallen werden. Das werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Wissen wir heute schon, wann dieser Rückgang kommt und wann anschließend der richtige Zeitpunkt für den Wiedereinstieg sein wird?

Die Erfahrung zeigt: Genau daran scheitern die meisten Anleger. Nicht der Kursrückgang selbst verursacht den größten Schaden, sondern die Entscheidung auszusteigen und später den Wiedereinstieg zu verpassen.

Aus meiner Sicht war deshalb ein anderer Weg sinnvoller: die kommenden Jahre weiterhin für die Renditechancen des Kapitalmarktes zu nutzen und erst näher an den Rückzahlungstermin heranzurücken. Etwa ein Jahr vor Fälligkeit kann man dann schrittweise den Betrag absichern, der tatsächlich für die Darlehensrückführung benötigt wird. Dadurch reduziert sich das Risiko eines ungünstigen Marktzeitpunkts erheblich, ohne heute bereits auf mehrere Jahre möglicher Rendite zu verzichten.

Mein Fazit:

Finanzielle Entscheidungen sollten nicht von aktuellen Schlagzeilen oder Marktprognosen abhängen, sondern vom tatsächlichen Kapitalbedarf und dem persönlichen Zeithorizont.

Und manchmal sind die teuersten Schulden nicht die im Kreditvertrag.

Sondern die Renditen, auf die man freiwillig verzichtet.

 Bei Fragen einfach fragen.

Schreiben Sie uns gerne in die Kommentare.
 Verfasserin: Karen Wilke
Verfasserin: Karen Wilke

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